Kürzlich las ich einen Artikel, in dem es um das Loslassen der Beschuldigung gegenüber den Eltern ging. Ganz richtig wurde dort gesagt, dass die Fixierung auf die Personen, die einen verletzt haben, verhindert, dass wir im Hier und Jetzt leben und dass es die Energie denjenigen überträgt, die einen misshandelt haben. Das hält uns in einer Opfer-Mentalität, die man nur durch Loslassen der Vergangenheit und Leben im Hier und Jetzt verlassen kann und da widerspreche sowohl ich, wie auch mein inneres Kind vehement - aus Erfahrung.
Hinter einer ruhigen, charmanten Fassade findet sich häufig ein wütendes, inneres Kind, das an die Oberfläche kommt, wenn niemand hinsieht.
vor allem in esoterischen, religiösen aber auch scheinbar progressiven Kreisen ist Wut oft eine verpönte Emotion, die dem Ziel des ständig in Liebe-und-positiv-Seins nur im Weg steht. Dies spiegelt das frühkindliche Muster des Kindes wieder, dass stets lieb sein muss, um die Verbindung zu den Versorgenden aufrecht zu erhalten und die lebensnotwendige Aufmerksamkeit zu bekommen. Emotionen werden in gut/böse positiv/negativ eingeteilt.
„Die Moral aber ist nur der Anschein von Treue und Glauben
und der Verwirrung Beginn.“ - Lao Tse
Begreift man diese Mentalität als eine Bewältigungsstrategie, mit der ein Mensch versucht seine impulsive Wut im Zaum zu halten, dann werden einem viele Probleme, die aus diesem Versuch heraus erwachsen, verständlich.
Dies sind nur einige der Beispiele, wie Aggressionen abgewehrt werden. Die Psyche ist, auf Grund dessen, dass der Ausdruck von berechtigten Aggressionen vor allem im Kindesalter stark beschnitten wird, sehr erfinderisch und passt sich den jeweiligen Umfeldern präzise an.
So sehr man sich bemüht, man wird seine Wut nicht los. Man kann sich in exzessiven Sport flüchten, frotzelnde Facebook-Kommentare über die inkompetente Regierung oder andere „dumme“ Nutzer schreiben oder sich einreden man wäre nur Licht und Liebe. Die Wut ist und bleibt ein Teil von uns Menschen, der nicht verschwindet und immer wieder Betrachtung fordert.
Sie war nie unser Feind, sondern erfüllt einen Zweck, den keine andere Emotion erfüllen kann: Sie zerstört Widerstände, spreng Gitterstäbe, reißt ideologische Mauern ein – also alles, was konservative, autoritäre Eltern und Systeme nicht wollen.
In der Regel wird die Wut in den ersten 6 Lebensjahren abgespalten, weshalb es auch so eine starke Verbindung zwischen ihr und dem inneren Kind gibt. Meist ist es unser inneres Kind, das die Wut trägt, weil es sie gegen die viel zu starke Erwachsenenwelt nicht ausdrücken durfte. Es entsteht ein Gefühl des Klein-Seins und Sich-nicht-wehren-Könnens. Selten kommt es erst später im Leben zu einer solchen Abspaltung – dann nur durch massive Gewalt-, Nötigungs- und Unterdrückungserfahrungen.
Insbesondere, wenn ein Kind seine Eltern nicht kritisieren oder hinterfragen durfte, richtet es die Aggressionen nach innen, da ihm vermittelt wurde, dass seine Emotion unberechtigt sind und somit der Fehler beim Kind liegen muss. Natürlich ist nicht jeder aggressive Ausdruck eines Kindes berechtigt und sollte stoisch geduldet werden aber wo Willkür und Ungerechtigkeit vom Kind empfunden werden, muss es auch Raum haben die daraus resultierenden Emotionen auszudrücken und Reflexion und Begründung der Eltern einzufordern. Ist es so möglich Konflikte offen anzugehen, zu differenzieren wann welche Art und welcher Grad von Aggression angemessen ist, lernt ein Kind mit seinen Aggressionen konstruktiv umzugehen und sie zur Lösung von Konflikten einzusetzen.
Glückt dies jedoch nicht, ist ein Kind gezwungen seine Aggressionen mittels der bereits genannten Abwehrmechanismen zu verdrängen, um die versorgende Verbindung zu den Eltern nicht zu gefährden. Diese Angst zieht sich dann oft durchs ganze Leben und führt zur Konfliktvermeidung und Abhängigkeit von autoritären System im Berufsleben oder in der Ehe.
So schön auch ein Leben ohne Konflikte wäre, so ist es eine paradiesische Illusion und keineswegs dem seelischen Wachstum förderlich. Betrachtet man die Menschen, die der Erde entsagen wollen und sich in die Illusion eines besseren Anderswo ergeben möchten, dann finden wir in ihren Lebensläufen häufig ein strenges Elternhaus, Traumatisierung oder andere Faktoren, die zur Unterdrückung der Aggressionen geführt haben. So sind diese Menschen nicht fit für das Leben in der irdischen Gesellschaft, die nun mal aktuell häufig aus Konkurrenzkampf und Konflikt besteht. Man muss das nicht gut finden aber das ändert die Realität nicht. In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie zum Beispiel die Wende Menschen aus der sozialistischen Illusion des Nicht-gegen-einander-konkurrieren-Müssens heraus riss. Viele brachten es nicht fertig, sich dem kapitalistischen Gedanken des Konkurrenzkampfes anzupassen. Aus ihnen wurden die klassischen Wendeverlierer, für die damals alles besser war.
Die Welt ist nun mal kein Ponyhof und Darwin erkannte schon, dass nicht die Stärksten überleben, sondern die Anpassungsfähigsten und das bedeutet eine regelmäßige Auseinandersetzung mit Konflikten. Wer sich ihnen nicht stellen kann, wird immer gegen diejenigen verlieren, die Konflikte nicht scheuen, wird sich immer in die vermeintlich sichere Höhle zurück ziehen, während das Leben an ihnen vorbei zieht. Wer nicht kämpft hat schon verloren und wer sich einredet dadurch der bessere Mensch zu sein, befindet sich in der Rechtfertigung seiner Feigheit – was im Übrigen auch der Grund ist, warum diese Welt heute von egoistischen aber eben nicht konfliktscheuen Menschen regiert wird.
Da die initiale Problematik im Umgang mit Konflikten in der Kindheit lag, ist auch hier die Lösung zu finden. Es ist fast immer die Wut, die in dieser Zeit runter geschluckt oder verdrängt wurde, die fest steckt und so auch andere Aspekte des Lebens blockiert. Heilung findet man nicht, indem man diese unterdrückten Emotionen weg meditiert. Das innere Kind wird trotzdem die erlebte Ungerechtigkeit empfinden und auf den Ausdruck seiner berechtigten Emotionen drängen. Es führt also kein Weg daran vorbei, sich dem Konflikt mit den Eltern zu stellen, denn die Emotionen wollen sich gegen ein ganz konkretes Ziel richten, welches verletzend und ungerecht gehandelt hat.
Wie man sich diesem Konflikt dann stellt, ist eine Frage der Möglichkeiten. Ob man sich direkt mit den Eltern unterhalten kann, ob man einen Brief schreibt oder in einer Familienaufstellung die Aggressionen raus lässt spielt keine Rolle, denn in erster Linie geht es dabei darum, dass man sich in die Handlung begibt und aus der Unterdrückung der eigenen Emotionen ausbricht. Dabei wird man unweigerlich auf die Angst stoßen diejenigen, gegen die sich die Aggression richtet, zu verlieren. Es ist diese Angst, den Ausdruck der Aggressionen unterbindet und es ist diese Hürde, die man überspringen, dieses Risiko, das man eingehen muss. Es ist eine Angst, die in der Kindheit berechtigt war aber im Erwachsenenalter, wo man von den Eltern unabhängig sein sollte, darf sie kein Hindernis mehr sein.
Werden sich die Eltern durch die Vorwürfe ändern und ihre Fehler einsehen? Dieser tief verborgene Wunsch, der sich oft in verletzten Menschen verbirgt, wird leider selten erfüllt und das sollte auch nicht erwartet werden. Oft wird einem nicht der gewünschte Abschluss gegeben - zu verfahren in ihren alten Mustern sind Eltern oft. Daher ist der Sinn des Ausdrucks der Aggressionen ein anderer: Die Verantwortung, die man als Kind übernommen hat - mit den aggressiven Emotionen umzugehen, mit denen die Eltern nicht umgehen konnten - wird dadurch zurück gegeben und die Schuldlast vom inneren Kind genommen. Es muss sich nicht mehr zensieren und der blockierte Affekt kann sich lösen.
Blockierte Affekte führen in der Regel dazu, dass sich große Bereiche der Persönlichkeit nicht weiter entwickeln können. Ein Kind, dass seine Emotionen nicht altersgemäß ausdrücken kann, ist kein lebendiges Wesen. Es schränkt sich in seinem Wunsch das Leben zu entdecken und zu erleben ein, weil es Angst vor den Konsequenzen hat. Es vertraut seinen Emotionen nicht, obwohl in ihnen die natürliche Weisheit liegt, die uns das wahre Leben erschließt. Es vertraut sich deshalb nicht selbst - es hat kein Selbstvertrauen.
Warum daran arbeiten? Um die ganze Fülle des Lebens auskosten zu können. Die Zeit auf dieser wunderbaren Welt ist zu kostbar, um sie nur rational zu erleben. Emotionen machen das Leben erst lebenswert. Manche Emotionen fühlen sich von Natur aus gut und erstrebenswert an, andere sind mit Herausforderungen verbunden. Jede dieser herausfordernden Emotionen birgt große Kräfte in sich, die, wenn man sie konstruktiv zu nutzen gelernt hat, wie eine Superkraft sind, die dem Großteil der Menschheit noch nicht zur Verfügung steht. Nutzt man diese Superkräfte, kann man sein eigenes Leben gestalten - selbstbewusst und mit natürlicher Kreativität.
In diesem Sinne: Ein Hoch auf die gesunde Aggression.
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