Wenn brav sein im Weg steht

Wie Moral unser Leben blockiert

Wenn man mich fragt, welcher Satz mein Leben am meisten verändert hat, dann war es das folgende Zitat:

 

Die Moral aber ist nur der Anschein von Treue und Glauben und der Verwirrung Beginn.“ - Lao Tse

 

Brav sein. Angepasst sein. Tun, was man uns beigebracht hat. Es klingt so tugendhaft, so richtig – und genau das ist das Problem. Moral ist nicht gleichbedeutend mit Wahrheit. Sie ist eine menschengemachte Konstruktion, ein unsichtbarer Käfig aus Regeln, die selten aus echtem Bewusstsein, sondern aus Angst vor Authentizität und der Bestrafung für Selbige entstehen.

Die Moral beschreibt eine subjektive Realität, in der ständig gut gegen böse kämpft.

Der Kampf zwischen Gut gegen Böse - die Kräfte des Lichts gegen die Dunkelheit - ist der Inbegriff des dualen Denkens und wird stets von den Herrschenden invoziert, um zum angeblich gerechtfertigten Kampf gegen die erklärten Feinde aufzurufen.

Psychologische Folgen

Carl Gustav Jung erkannte, dass die Spaltung in „gut“ und „böse“ nicht in der objektiven Realität existiert, sondern in unseren Köpfen. Was als „gut“ gilt, ist oft nur das sozial Erwünschte. Was als „böse“ gilt, ist das, was im Schatten verschwindet und nicht mehr betrachtet werden darf. Doch das Verdrängte bleibt. Es sucht sich seinen Weg – in Form von Selbstsabotage, Schuldgefühlen, heimlichen Sehnsüchten oder Aggressionen, die sich gegen uns selbst richten, weil es nicht akzeptieren wird, dass es zu Unrecht verurteilt wurde.

Wenn wir stets brav und angepasst sein wollen, bleiben wichtige Anteile unseres Selbst im Schatten verborgen – eine Dynamik, die C. G. Jung als Ursache innerer Spaltung identifizierte. Das ständige Unterdrücken von Emotionen, Trieben und auch unbequemen Seiten führt zu einem chronischen Ungleichgewicht, in dem die verborgene Energie, die eigentlich zur Ganzheit gehört, blockiert wird und sich auf unbewussten Wegen Ausdruck verschaffen muss. Diese dauerhafte Verleugnung der eigenen Authentizität kann sich in tiefsitzenden Gefühlen der Leere, Erschöpfung und Depression manifestieren. Man sagt nicht umsonst „Depression ist die Belohnung für's brav sein.“ Indem wir jedoch lernen, auch das zuzulassen, was als unkonventionell oder gar „böse“ gebrandmarkt wurde, öffnen wir den Weg zu einer echten Integration unserer Persönlichkeit, können uns selbst in Gänze erkennen und damit auch Verständnis und Liebe für die „dunklen“ Seiten anderer Menschen entwickeln. Eine, in meinen Augen, unbedingte Voraussetzung für die Lösung aller großen Menschheitskonflikte.

Was ist der Sinn der Moral?

Moral errichtet Denkverbote. Sie zwingt uns, bestimmte Impulse und Überlegungen gar nicht erst in Betracht zu ziehen, selbst wenn sie uns instinktiv als wahr erscheinen würden. Daher muss das Zitat von Lao Tse in einen Kontext gesetzt werden. Es stammt aus dem Werk Daodejing – das die Basis für den Taoismus und die chinesische Staatsführung bildet. Hiermit gab er den Herrschenden das stärkste Mittel zur Kontrolle der Bürger an die Hand, denn wer kontrolliert was gut und was böse ist, bestimmt was gedacht und was nicht gedacht werden darf und wer Freund und wer Feind ist. Gerade in Zeiten von Political Correctness ist es wichtig, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass die Moral ein Mittel der Herrschaft ist.

Gehen wir noch weiter in der Geschichte zurück so ist der Sündenfall von Adam und Eva – egal ob es nun historisch akkurat ist oder nicht – die Geburtsstunde der Moral in dieser Welt und nicht ohne Grund in der Bibel so prominent aufgezeichnet. Denn es war letztendlich ein ganz gewöhnlicher Apfel, den sie aßen. Durch das Verbot jedoch löste er eine Kaskade an neuen Vorstellungen und Verhaltensweisen aus und brachte das Konzept von Schuld und Schuldigkeit in die Welt. Deshalb wird dieser Baum als der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse bezeichnet. Am Ende war es aber nur ein ganz gewöhnlicher Apfelbaum.

Möchte man eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Moral stellen, muss man eigentlich fragen, warum Gott die Menschen aus dem Paradies vertrieben hat, obwohl er in seiner unfehlbaren Weisheit ganz genau wusste, dass Adam und Eva der Versuchung nicht widerstehen würden. In der Antwort auf diese Frage liegt eines der größten Geheimnisse der Existenz verborgen.

Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies (Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle)

Was passiert, wenn wir diese Grenze überschreiten?

Michelangelos "Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies" stellt dar, wie Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen und in der Folge aus dem Paradies vertrieben werden. Die Schlange, die sie zum Überschreiten von Gottes Verbot überredet steht für die innere Stimme des Menschen, die sich stets über Verbote hinwegsetzen will. Sie ist die Neugier, die sich der konstruierten Moral widersetzt. Diese Neugier in Form der Schlange zu externalisieren, stellt gleichsam eine Abspaltung dieses wertvollen Wesensanteils dar.

Der Ausbruch aus der Moral ist der Ausbruch aus der Dualität des Denkens. Es geht nicht darum, „böse“ zu werden, sondern darum, jenseits von Gut und Böse zu denken. Die alte Frage lautet: „Darf ich das?“ Die neue Frage lautet: „Ist es wahr? Ist es echt?“

 

Wem dient es, wenn du brav bleibst? Und wem würde es dienen, wenn du endlich ehrlich wärst – vor allem zu dir selbst?

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